Selbst der größte Spielemuffel dürfte in den letzten Tagen mitbekommen haben, dass die Firma Rockstar Games ein neues Kapitel ihrer "Grand theft auto"-Serie veröffentlicht hat. Selbst seriöse Nachrichtenoutlets wie der Spiegel und n-tv haben ausführlich über das teuerste Computerspiel aller Zeiten berichtet, welches nicht nur sagenhafte 265 Mio. Dollar in der Entwicklung gekostet hat, sondern sogar in lediglich drei Verkaufstagen 1 Mrd. Dollar erwirtschaftet hat.
We're not in Kansas anymore! Die Zeiten, in denen man unter Spielzeug Matchboxautos und Steiff-Teddies verstanden hat, sind vorbei. Die Zeiten, in denen Spielzeug etwas für Kinder war, sind spätestens seit meiner verwöhnten Generation vorbei. Die Zeiten, in denen Computerspiele etwas für Nerds waren und Pong hießen gehören auch der Vergangenheit an.
Heute setzt die Computerspielindustrie mehr Geld um, als ihr Partner Hollywood und ihre Produkte sind meiner bescheidenen Ansicht nach auch mutiger und innovativer. Kauft man sich heute ein Spiel wie GTA, erwartet man Unterhaltung auf höchstem Niveau. Das beginnt bei einer Story, geht über Visualisierung weiter, das bedeutet Action und das bedeutet Profis bis hin zu Stars. Bereits in den Vorgängerspielen von GTA V liehen Stars wie Axl Rose, George Clinton, Chuck D. von Public Enemy oder auch Karl Lagerfeld dem Spiel ihre Stimmen. In einem anderen Blockbusterspiel, der Mass Effect Trilogie spielten unter anderem Martin Sheen und Seth Green mit.
Video Games sind Big Business und mehr, als nur ein Zubrot für Voice-Over-Künstler.
Ist aber der Hype um den neuesten Kassenschlager berechtigt? Ist er wirklich so faszinierend, wie uns die Medien glauben machen?
Nun zuerst will ich auf die USK-Freigabe, bzw. die fehlende Freigabe eingehen. Das Spiel ist ab 18 freigegeben und das völlig zurecht! Die Bundesprüfstelle und die USK machen sich regelmäßig lächerlich mit ihren Einstufungen und Indizierungen, die dann Jahre später voll Unverständnis in den eigenen Reihen zurückgenommen werden. Es ist die Überreaktion der Verständnislosen, denn bis heute hat niemand den Zusammenhang zwischen Gewalt in Videospielen und realer Gewalt bewiesen. Viele meiner Freunde haben im Alter von 12 bereits indizierte Spiele gespielt und sind heute samt und sonders Stützen unserer Gesellschaft und die Tatsache, daß man auf dem Rechner eines jeden Amokläufers Spiele wie Counterstrike, Quake oder ähnliches findet, liegt daran, weil diese Spiele auf so ziemlich jedem Privatrechner (und einer Menge Firmenrechner!) vertreten sind.
Doch die GTA-Reihe ist anders. Es ist nicht die exzessive Gewalt, die das Spiel zu einer Gefahr für leicht beeinflußbare Menschen macht, es ist die hohe Detailtreue sowohl in Darstellung, als auch in der Story. Ich verstehe die Gewalt, die Frauenfeindlichkeit als Überzeichnung der Realität und als eine Art Satire, aber die immer erfolgreicher werdenden Spielcharaktere, die sich vom Straßengangster zum Großkapitalisten entwickeln laden zur Glorifizierung gradezu ein. '
Die gesamte Welt von GTA ist amoralisch. Es ist völlig normal, daß man, wenn man ein Verkehrsmittel braucht, man es stielt oder gar raubt. Man stellt sich in die Mitte der Straße nud wenn ein Auto anhält, prügelt der eigene Avatar den Fahrer aus dem Wagen und setzt sich selbst ans Steuer. Frauen in diesem Spiel sind psychotisch und käuflich. Das ist ganz normal. Es werden die Kopfschüsse in einer Statistik geführt, genauso wie die sonstigen Tötungen. Man überfällt Banken, Züge, Juweliere oder verprügelt Passanten für die sprichwörtliche Hand voll Dollar. All das scheint normal.
Doch die gleichen Elemente, die das Spiel moralisch fragwürdig machen, sind die Elemente, die den Reiz ausmachen. Die einzelnen Straftaten sind mit einer glaubwürdigen Story verbunden und sind in ihrem Kontext schlüssig, teilweise wirken sie sogar zwingend. Der reife Charakter stellt sich schon mal die Frage, ob er sich in dem einen oder anderen Charakter nicht doch wiederfindet.
In der neuesten Ausgabe geht es wieder, wie in der vorletzten Ausgabe nach Kalifornien, das im Spiel "San Andreas" heißt. Obwohl der Umfang der Karte von GTA V so groß ist, daß sie den Karten der beiden Vorgängerspiele plus dre Karte des Westernspiels "Red Dead Redemption" entspricht, spielt GTA V ausschließlich in Los Angeles - welches hier "Los Santos" heißt. Das mag eine Enttäuschung für viele alte Fans sein, denn in GTA San Andreas waren mit Los Santos (LA), San Fierro (San Francisco), der Country-side und Las Venturas (Las Vegas) gleich vier Städte am Start. Doch das neue, aufgemotzte Los Santos dürfte Kritiker sehr schnell überzeugen. Im Vergleich zu den Vorgängerspielen scheint es auch keine erst nach und nach freigegebenen Spielorte zu geben, sondern man kann sich direkt auf der ganzen Karte austoben. Das macht das Spiel für mich unübersichtlicher, komplizierter.
Aber es gibt wieder eine größere Auswahl an Verkehrsmitteln. Natürlich findet man zeitgenössische Autos - ebenfalls unter falschem Namen - wieder, genauso gibt es wieder Motorräder, aber eben auch wieder Fahrräder, Hubschrauber, (Kampf-)Flugzeuge und sogar Jetskis. Die Grafik ist atemberaubend und es ist keine Übertreibung, daß die im Winter abgelöste Konsolengeneration mit diesem Spiel an ihre Leistungsgrenzen gebracht wurden.
Die Story ist wieder köstlich, jedoch zum ersten Mal gibt es nicht nur einen Protagonisten, den der Spieler steuert, sondern gleich drei. Wir haben Michael, den Mittvierziger Berufskriminellen, der sich in einer Villa zur Ruhe gesetzt hat und seinen Frust über seine mißratene Familie bei seinem Psychiater loswird, Franklin, den Gangbanger, der eigentlich aus dem Millieu aussteigen will, aber trotzdem vor professionell organisierter Kriminalität nicht zurückschreckt und Trevor, ein ehemaliges Mitglied von Michaels Gang. Er ist ein psychopathischer, Meth-Kocher und Junkie, der zu extremer Gewalt neigt. Die Pfade der drei werden vom Spiel miteinander verwoben und der Spieler kann und muss jeden Charakter eine zeitlang spielen.
Der Ablauf ist wieder typich GTA: Da wird mit Vorurteilen und Klischees nur so um sich geworfen, die aber so dick aufgetragen sind, daß es jedem Erwachsenen klar ist, daß man sich über diese Klischees lustig macht. Es gibt wieder die liebevollen Details, wie die Radiosender, deren Nachrichtensendungen immer wieder auch von den Aktionen berichten, die unser Charakter selbst angerichtet hat. Ansonsten gibt es bekannte Hits und lustige Anekdoten. Zu Beginn ist man echt überfordert, mit der Vielzahl von Eindrücken, die auf einen einprasseln. Verfolgungsjagden oder Autorennen durch die Rush-hour einer mit viel Liebe zum Detail getalteten Stadt, hin und wieder schießt jemand auf unseren Charakter, dann muß man noch der Poliezi ausweichen und nebenbei dudelt ein Sprecher im Radio. Wenn man genau hinhört, und der englischen Sprache mächtig ist, lacht man sich schief.
Nebenbei gibt es auch wieder einige Spiele im Spiel, so kann man Tennis oder Golf spielen, wenn man sich von den Strapazen des Killens erholen möchte.
Lange Rede kurzer Sinn: das Spiel ist ein echter Hit und der Hype ist ausnahmsweise mal vollends berechtigt. Es ist wieder eine Menge Kritik an der eigenen Industrie vorhanden, so zum Beispiel Radiowerbung für ein fiktives, noch realistischeres Kriegsspiel, Die Datensammelwut von Google bekommt genauso ihr Fett weg wie Zuckerberg und der verstorbene Steve Jobs.
Gamern, die nicht zimperlich sind und einen düsteren Sinn für Humor haben, sei dieses Spiel wärmstens ans Herz gelegt. Es sind wieder Wochen, wenn nicht Monate Spielspaß, man bekommt also eine Menge für sein Geld.
Und weil ich letzte Nacht kein Auge zugetan habe, weil ich nach der Arbeit meinen Controller nicht aus der Hand legen konnte, beende ich an dieser Stelle meine Kritik.
Gute Nacht!
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