Mittwoch, 1. Januar 2014

2014

Zunächst einmal wünsche ich dem geneigten Leser ein frohes, neues Jahr und freue mich, nach Computerproblemen und den Feiertagen endlich mal wieder Zeit zu finden, etwas zu veröffentlichen.

Grade noch rechtzeitig zum neuen Jahr, zu dem ich ein paar Gedanken loswerden will.

Für viele ist 2014 das große Fußballjahr und auch ich freue mich auf eine WM im fußballverrückten Brasilienund hoffe, daß Deutschland das erste europäische Land wird, das eine Fußball-WM in Südamerika gewinnt. Zeit wäre es ja mal.

Aber viel mehr noch steht dieses Jahr für mich im Zeichen des 100sten Jahrestags des Beginns des 1. Weltkriegs. Durch die Gräuel des Nazi-Regimes tritt dieser Krieg immer ein wenig in den Hintergrund, dabei stellte er die Weichen für die Probleme des 20sten Jahrhunderts, die wir auch heute noch lange nicht alle gelöst haben.

Wer wird bezweifeln, daß ohne den 1. Weltkrieg und die Demütigung Deutschlands im Versailler Diktat der Aufstieg des "Böhmischen Gefreiten" zum Reichskanzler und Diktator unmöglich gewesen wäre? Nur ein derart verunsichertes Volk schmeißt sich an einen Ver-führer und Heiland aus der Höll ran. Vor allem eine Nation, die sich stolz als die der Dichter und Denker bezeichnet.

Doch war der 1. Weltkrieg in meinen Augen viel mehr, als das Vorspiel zu Holocaust und 2. Weltkrieg, er war das zivilisatorisch bedeutendere Ereignis. er markierte das schleichende Ende des Kolonialismus, den rapiden Verfall europäischer Macht, die Geburt der ersten und auch der zweiten Supermacht des 20sten Jahrhunderts.

Betrachtet man die Umstände nur ein wenig, fallen einem Parallelen zu unser heutigen Zeit auf und wir sollen die Erkenntnisse der traumatischen Erfahrungen an der Somme, Verdun und sonstigen Schlachtfeldern als Mahnmal zur Kenntnis nehmen.

Eine sehr einfach nachzuvollziehende Behauptung ist, dass der 1. Weltkrieg ein Zusammenkommen von moderner Technologie des 20sten Jahrhunderts und einer Moral und politischen Einstellung des 19. Jahrhunderts war. Krieg war nicht nur, wie der General von Clausewitz ursprünglich in seinem Buch "Vom Kriege" mahnend schrieb, eine "Fortführung der Politik mit anderen Mitteln", sondern eher eine alltägliche Spielart der Politik mit anderen Mitteln. Es war ein Familiensport, in dem der kleine Wilhelm sich von seiner Tante Victoria, bei der er aufgewachsen war, emanzipieren wollte und der er zeigen wollte, dass auch er, trotz seiner Verkrüppelung ein Weltreich regieren könnte. Der Traum vom "Platz an der Sonne" endete für ihn im Exil, für viele Europäer in Massengräbern.
Weder Politik, noch der Bevölkerung war klar, welche Veränderung die Industrialisierung und die damit einziehenden neuen Technologien bewirken würden. Giftgas, Schienengeschütze, deren Reichweite von der deutschen Grenze bis in die Vororte von Paris trugen und zuletzt gepanzerte Monstren, die die alten Schützengräben einfach genauso überrollten, wie die Soldaten, die sich ihnen in den Weg stellten. Der Kater nach der Großmachtorgie war furchtbar.

Hier sehe ich bereits die erste Parallele zu unserer heutigen Zeit. Unsere Politik - vor allem unsere Politiker stecken noch tief im Denken des 20sten Jahrhunderts fest und begreifen noch gar nicht die Veränderungen, die die postindustrielle Informationsgesellschaft einherbringt. Atomkraft, Gentechnik. Stammzellenforschung und Cloning sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, wie weit wir naturwissenschaftlich/technisch sind und wie wenig unsere Ethik damit schritthalten kann. Es reicht einfach nicht mehr, dass man Pazifist wird, nachdem man die Atombombe entwickelt hat, die Maschine, die die Begriffe "Massenmord" und "Kriegsverbrechen" in sich vereint. Was droht uns heute, wenn ein kleiner Fehler bei der Gentechnik gemacht wird, wodurch wir irreparable Erbgutschäden bei Menschen. Tieren oder Nahrungspflanzen auslösen? Was, wenn unsere Fehler erst nach Jahrzehnten sichtbar werden? Welche Krankheiten entschlüpfen dem Labor, weil eine Kleinigkeit schief gelaufen ist? Sind die Fehler so unwahrscheinlich? In einem Wettrennen um die erste Erfindung, um lukrative Patente, in dem Firmen und Wissenschaftler nur zu gern Abkürzungen nehmen, um sich als erster ein Erfindung und damit das Patent zu sichern, ist es verwunderlich, dass nicht längst schon etwas Schlimmes passiert ist. Aber wer weiß, woher kommen AIDS, SARS und andere Erkrankungen, wenn nicht eh schon aus Massentierhaltung, die wir im Stillen trotz der daraus resultierenden Krankheiten und Vergiftungen durch Medikamente in der Nahrung nur zu gern akzeptieren.

Die Regulierungsgewalt liegt in den Händen von Politikern, die immer noch denken, es sei ihre Aufgabe, die Industrie zu schützen, in der Hoffnung, dass diese Jobs schafft und sie nicht en masse wieder abbaut. Eine Prioritätenliste des 20sten Jahrhunderts für Probleme des 21sten.
Wie soll das auch anders sein? Unsere gewählten Volksvertreter tummeln sich auf Technologiemessen, sind aber zumeist mit moderner Technologie, die nicht mit der idotensicheren Bedienung eines iPad daherkommen völlig überfordert. Angela Merkel sprach vom Internet als "Neuland", um ihre katastrophale Inkompetenz zu rechtfertigen. Und bei jedem neuen Amoklauf wird als erstes festgestellt, dass der Täter auf seinem Computer das inzwischen antiquierte Spiel "Counterstrike" hat. Ohne darüber nachzudenken, spricht die CSU dann von "Killerspielen", der wahren Ursache von solchen verbrecherischen Hilfeschreien. Dass es auch daran liegen kann, daß ich außer meinem Firmenrechner und meinem Rechner daheim kaum einen Computer kenne, auf dem Counterstrike nicht installiert ist, kann nicht der Grund sein. Übrigens ist es bei mir nur deswegen nicht installiert, weil ich andere "Killerspiele" bevorzuge. Aber wenn ich in der Art auf ein Problem schaue, komme ich als Politiker bald zu der Erkenntnis, dass das eigentliche Übel in der Welt Sauerstoff ist, denn jeder Kriminelle, den ich kenne, hatte den regelmäßig genutzt.

Das Ergebnis dieser Politik schafft verheerende Folgen und pervertiert auch unser Wirtschaftssystem. Banken, "too big to fail" können sich wie Rüpel auf dem Schulhof verhalten und wenn wir uns die Scherben ansehen, die ihre Horden von zugekoksten Egoisten hinterlassen, wird die Frage nach dem "wer soll das Bezahlen" kalt lächelnd mit dem Steuerzahler beantwortet. Privatisierung der Gewinne, Sozialisierung der Verluste. Und niemand tut etwas dagegen, dass immer mehr Konzerngiganten entstehen, die praktisch insovlenzresistent sind. Wenn ich den Widerstand der Briten gegen die Transaktionssteuer anschaue, wünsche ich mir eine V2 nach No. 10 Downing Street!

Unsere Gesellschaften klaffen immer weiter auseinander. Zwischen arm und reich, zwischen gebildet und ungebildet und zwischen solchen, die verstehen, was die NSA macht und solchen, die immer noch glauben, es sei egal, wenn sie ausspioniert würden, sie hätten ja nichts zu verbergen.

Doch abgesehen von der Differenz zwischen der Politik und der Technologie gibt es noch weitere Parallelen zwischen dem jungen letzten Jahrhundert und dem heutigen. 1917 betrat ein Staat die Weltbühne, der sich mit der Monroe-Doktrin Distanz von der Weltpolitik verordnet hat und der sich in seiner Machtausübung auf den eigenen Kontinent bzw. die eigene Hemisphäre beschränkt hat. Ich spreche von den USA. Einem Land geboren aus einer unausgegorenen Idee namens "Freiheit". Unausgegoren deswegen, weil bis heute niemand weiß, was es eigentlich ist. Für die einen ist es wirtschaftliche Unabhängigkeit, für andere, was Janis Joplin sagte:"Freedom is just another word for nothing left to loose" ("Freiheit ist nur ein anderes Wort dafür, nichts mehr zu verlieren zu haben"). Aber es war eine neue Hoffnung, die die internationale Politik bereicherte. Sie war notwendig, nachdem die Modelle Palmerstons, Disraelis und Bismarcks so katastrophal fehlschlugen. "Balance of power" und "Realpolitik" hatten ihre Entladung in Giftgasschlachten und Massengräbern gefunden. Aber noch war die Welt nicht bereit, für die naiven Ideen der Amerikaner, die Diplomatie unter ein Völkerrecht zu stellen. Die Idee, dass Staaten wie Privatpersonen haftbar gemacht werden könnten und daß sich Allianzen nicht mehr um nationale Interessen, sondern um die Aufrechterhaltung internationaler Gesetze bilden würden. Eine moralische Politik. Diese Gedanken wurden vorgetragen und verächtlich zurückgewiesen in Versailles. Erst nach dem 2. Weltkrieg, unter anderem mit Adenauer und deGaulle wurde es opportun zu glauben, dass diese Denkart die einzig fruchtbare sei, auch wenn die beiden sich sicherlich nicht als Verwirklicher des Amerikanischen Traums in der Außenpolitik gesehen haben.

2014 ist die vor 100 Jahren noch aufsteigende Supermacht im rapiden Fall begriffen und hat ihre eigenen Prinzipien spätestens seit Präsident George W. Bush aufgegeben. Und schon erhebt sich im Osten eine neue Supermacht. Ex oriente lux, doch da Licht, das im Osten scheint ist China. In einem Land der Markenpiraterie, der Sklavenarbeit und der Beschneidung der öffentlichen Meinung tue ich mich sehr schwer, ein Loblied auf die neue Ära zu singen, wie ich es zum Thema USA im Jahre 1917 getan habe. Im Westen erlebt "Raison d'etat" eine Renaissance (Was der Staat tut, ist automatisch richtig), im Osten vermischen sich die ekelhaftesten Elemente von Stalinismus und Marktwirtschaft zu einem neuen Lebensgefühl. Und für alle zwischendrin gibt es panem et circensis (Brot und Spiele) in Form von Verdummungsfernsehen.

Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Regierungen ihren gespaltenen Völkern nicht mehr vertrauen und deswegen ihre Macht schleichend der kaum bis gar nicht zu kontrollierenden EU abgeben, die dann im Geheimen mit der amerikanischen Wirtschaft über die Einführung einer Freihandelszone berät. Der verzweifelte Versuch, eine marode Weltmacht zu stützen, denn auch die USA sind für Europa "too big to fail" und sei es nur wegen der Sicherheitsgarantien im NATO-Vertrag. Die Kosten für diese Party der Großkonzerne fallen dann man wieder über die sogenannten "Investitionssicherungen" über Marionettenschiedsgerichte generiert und dem Steuerzahler dann serviert. Sowas würde ich ebenfalls geheim verhandeln, wenn ich könnte. Aber das ist eben nicht der demokratische Weg.

Der 1. Weltkrieg sorgte ebenfalls mit seiner Schwächung der euopäischen Mächte schleichend für die Abschaffung des Kolinalsismus. Auch wenn diese Entwicklung bis in die 60er andauerte, so wurde der Grundstein doch im Krieg und der Wertvernichtung, die daraus resultierte gelegt.
Hier finde ich keine Parallele zur heutigen Zeit, denn selbst im Niedergang breiten sich die USA immer weiter aus. Nicht in der Form, wie es die Kolonialmächte zu tun pflegten, indem sie Landstriche einfach annektierten und sie ausbeuteten, sondern in einer eigenen antikolonialen Art der USA, die sich überall einmischen, "nur" Demokratie verbreiten wollen, sich weigern die Verantwortung für eine Annexion zu übernehmen und stattdessen die Staaten in Chaos zurücklassen und am Ende die Interessen, amerikanischer Ölkonzerne vertreten. Aber genauso, wie die Kosten des 1. Weltkriegs die Europäer an der Fortführung ihres Kolonialismus gehindert haben, so werden die Kosten der Interventionspolitik die ohnehin wirtschaftlich stark angeschlagenen USA trotz der Hilfe der Europäer mittelfristig zum Rückzug zwingen - Zum Guten, wie zum Bösen. Und während das Machtvakuum, welches die Europäer nach dem 2. Weltkrieg hinterlassen haben  von der UdSSR und den USA gefüllt wurde, wie man in Korea, Vietnam und dem Mittleren Osten sieht, stellt sich nun die Frage, ob China bereit ist, in die dann klaffende Lücke zu springen.

Es ist gut, auch mal zurückzuschauen. Es ist gut, die Lektionen zu lernen, die uns die Vergangenheit aufgibt und runde Jahrestage sind dafür immer ein guter Anlaß. Und wem das alles zu negativ ist, der kann sich auf den Sommer und die Fußball-WM freuen. Am Ende würden wir doch alle unsere Bürgerrechte gegen den 4. Stern auf dem DFB-Trikot eintauschen - und wenn das nicht reicht, legen wir noch die 3. Meisterschaft für den FC drauf und dann paßt das schon.

In diesem Sinne, Euch allen ein schönes, gesundes, erfolgreiches und glückliches Jahr 2014 und wenn einer mit dem Spruch ankommt:"Jeder Schuss ein Russ' jeder Stoß ein Franzos'" dann sagt einfach:"Nein Danke"